Heutige Handarbeit im Weinberg und Weinkeller

Die Digitalisierung dringt in viele Bereiche ein – auch in die Landwirtschaft und den Weinbau. Der Weinbaubetrieb gehört heute noch zu landwirtschaftlichen Betrieben, in dem Weinreben angebaut und Wein und andere weinähnliche Erzeugnisse produziert und vermarktet werden. Im Wein steckt viel Handarbeit. Und manche Dinge im Weinberg und Weinkeller haben sich seit 2000 Jahren kaum verändert. Doch um wettbewerbsfähig zu bleiben, stehen auch Weingüter vor der Aufgabe, ihre Prozesse zu optimieren und gegebenenfalls zu automatisieren. Nicht nur wegen der Effizienz und Kostensenkung , sondern auch wegen der Qualitätsverbesserung.

Wein wird immer beliebter

Der weltweite Weinkonsum steigt stetig an. Damit ändert sich das Gesicht der Weinbau-Branche. Vor allem in großen Ländern mit vielen jungen Einwohnern wie zum Beispiel Brasilien wird immer mehr Wein getrunken. Gleichzeitig wächst der Wettbewerb europäischer Winzer mit neuen Produzenten, vor allem aus China und Kanada. Diese Entwicklungen führen gesamthaft dazu, dass immer mehr Weinbauern und Winzer auf moderne Technologien zurückgreifen, um den Anbau, die Produktion und Qualität zu verbessern und international zu bestehen.

Digitalisierung im Weinberg

Die computergestützte Bewirtschaftung setzt sich in der Landwirtschaft immer mehr durch. Beispiele sind Ernte- und Pflegeroboter in Steillagen. Mit dem Trend zu größeren Winzerbetrieben und bei nicht zu steilen Anbauflächen lässt sich allerdings auch mehr automatisieren. Bei eher kleinteiligen Winzerbetrieben ist es noch eher ungebräuchlich, weil zu investitionsintensiv und nicht immer praktikabel.

Baron Philippe de Rothschild experimentiert auf seinem Chateau Clerc de Milon zum Beispiel mit dem Roboter „Ted“, der bei der Bodenkultivierung und dem Rückschneiden der Reben eingesetzt wird, um diese körperlich anstrengenden und zeitaufwändigen Prozesse zu vereinfachen. Sensoren spielen eine wichtige Rolle, damit Ted alles richtig macht und kontrolliert werden kann.

Digitalisierung im Weinberg (Foto: Unsplash)

Internet der Dinge (IoT) im Weinberg

Johannes Haart vom Weingut Haart in Piesport an der Mosel sammelt in seinen Weinbergen Daten der Bewässerungssysteme, Temperatur- und Windmessgeräte. Auch die Ausprägungen der Sonnenstrahlung, Niederschlag, Luft- und Bodenfeuchtigkeit, Wind und Temperatur lassen sich mit Sensoren erfassen. Daneben sind es die Blattfeuchte, der PH des Bodens und die Nährstoffwerte, die sich erfassen lassen. Das sich verändernde Klima hat vielfältige Auswirkungen auf den Weinanbau: Vor allem Temperaturschwankungen, Sonneneinstrahlung sowie Niederschlagsmengen haben große Auswirkungen auf Vegetationsdauer, Ertragsmenge, Traubenqualität und Schadorganismen. Die Informationen der Sensoren geben dem Winzer Hinweise, um für optimale Wachstums- und Reifebedingungen der Weinreben zu sorgen. Was bislang allein auf Erfahrung beruhte, lässt sich nun technisch unterstützen.

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Video-Link: https://youtu.be/Goe3xialtac

Welche technologischen Grundlagen stehen dahinter?

Sensoren sind im Boden vergraben, um die Bedingungen und die Gesundheit der Reben zu kontrollieren. Diese laufen mit Solarstrom, der über Panels direkt vor Ort gewonnen wird. Die so erfassten Daten werden an eine Cloud-Anwendung zur Analyse und Bewertung weitergegeben. Die Anbindung ans Internet erfolgt über Low Power-Netzwerke wie beispielsweise LoRaWAN. Die hohe Reichweite und der geringe Stromverbrauch von LoRaWAN sind ideal für IoT-Anwendungen im Weinberg. Mehr dazu findet sich auf der Webseite eines Herstellers (MyOmega).

Digitalisierung im Weinkeller

Das Internet der Dinge kann nicht nur im Weinberg sondern auch im Weinkeller Unterstützung geben, um die Weinqualität zu verbessern. So lässt sich die Fermentation überwachen, indem Sensoren ausgewählte Parameter wie Temperatur-, Sauerstoff- oder Zuckergehalt messen, um dann daraus abzuleiten, wie lange noch fermentiert werden sollte oder ob eine Temperaturanpassung notwendig ist. Auch bei der Lagerung des Weins in Fässern liefern Sensoren wichtige Messwerte, deren manuelle Erhebung sonst sehr aufwendig ist.

Digitalisierung im Weinkeller (Foto: Unsplash)

Digitalisierung in der Weinvermarktung

Neben der Digitalisierung im Weinberg und im Weinkeller gibt es erste Ansätze auch die Kundenansprache und das Marketing im Weinbau zu digitalisieren:

  • Intelligente Weingläser: Bei manchen Weinveranstaltungen bereits im Einsatz: Weingläser mit integriertem Speicherchip. Das Glas merkt sich genau, welcher Wein getrunken wurde, und über eine kontaktlose Kommunikation mit dem Smartphone erhält der Kunde alle Infos über die konsumierten Weine und die Weinregion. Über das digitale Glas haben wir bereits in dem Beitrag „Digital Connection mit dem smarten Glas“ berichtet.
  • Handy-Apps – Digitaler Sommelier: Nie mehr einen Wein vergessen. Das ist das Motto von Wein-Apps . Nach dem Scannen des Weinetiketts und der Produkterkennung erhält der Benutzer zahlreiche Informationen: Preise der Trauben, Bewertungen bis hin zu Menüvorschlägen.
  • Digitale Weinlagen-Karte: Anbaulagen spielen im Weinbau eine zunehmend große Rolle. Seit Kurzem können Weinliebhaber online den Weinberg ihrer Wahl suchen. Das Deutsche Weininstitut hat dafür Lagen in die virtuelle Welt geholt.
  • VR & Augmented Reality: Virtual- und Augmented Reality könnten in Zukunft den Weinkonsum und das Weinerlebnis digital „anreichern”. So ist es denkbar, die Mobilfunkkamera auf einen Weingarten zu richten und dadurch auf dem Bildschirm Auskünfte über die Rebsorte oder die Bodenbeschaffenheit zu erhalten. Auch Führungen  könnten so um eine digitale Komponente erweitert und für den Besucher noch interessanter werden.

Ein fortlaufender Prozess im Weinbau

Der digitale Wandel bietet die Chance, sich zu verändern und neue Märkte und Kundengruppen zu erschließen. Aber auch die optimale Bewirtschaftung von Weinbergen lässt sich heute mittlerweile mit Hilfe von digitalen Technologien verbessern. Mittels Verortungs- und Fernerkundungstechnologien werden die Bedingungen im Weinberg erkannt und abgebildet. Auf Basis der gewonnen Daten werden Bewirtschaftungsmuster für den Weinberg erstellt. Dann werden innovative technische Verfahren im Weinberg eingesetzt, die genau das machen, was das Bewirtschaftungsmuster ihnen vorgibt. Wird es beispielsweise im Frühjahr zur Blütezeit im Weinberg noch einmal frostig, starten spezielle, über die Sensoren gesteuerte, Ventilatoren, um die Reben vor Erfrierungen zu schützen. Damit werden höhere, homogenere Erträge und bessere, homogenere Traubenqualitäten möglich. Ressourcenschonend zum Schutz der Umwelt und mit minimierter Arbeitsbelastung.